Interregionaler Austausch zu Compliance-Themen zwischen Afrika und Asien

08.06.2021

Afrika und Asien, online

Wenn wir über Korruption sprechen, sprechen wir über ein globales Problem, das nicht an nationalen Grenzen Halt macht. Um Integrität effektiv zu fördern, müssen jedoch gleichzeitig die lokalen sozioökonomischen Hintergründe und kulturellen Muster berücksichtigt werden. Jedes Land hat seine eigenen rechtlichen Rahmenbedingungen, um korrupte Geschäftspraktiken einzudämmen. Dennoch können erfolgreich erprobte Ansätze in einem Land auf andere Regionen übertragen werden und dazu beitragen, grenzüberschreitend hohe Integritätsstandards zu etablieren. Um diesen interregionalen Austausch zu fördern, organisierte die Allianz für Integrität in Zusammenarbeit mit Business Scouts for Development eine zweiteilige Dialogreihe. Compliance-Expert*innen aus verschiedenen Ländern Asiens und Afrikas diskutierten aktuelle Compliance-Trends, die weltweit Beachtung finden. Welche bewährten Praktiken gibt es bereits, welche Lehren lassen sich aus den vergangenen Monaten ziehen und welche Herausforderungen können nur gemeinsam bewältigt werden? Diese und weitere Fragen standen im Mittelpunkt der Veranstaltungsreihe.

Die Covid-19-Pandemie hat die Arbeitsabläufe, wie wir sie bis dato kannten, maßgeblich verändert. Dies führt gleichermaßen zu einer Zunahme möglicher Risikofaktoren. Risiken gehören zum Geschäftsalltag und lassen sich nie gänzlich vermeiden. Unternehmen, die jedoch ein umfassendes Risikomanagementsystem implementiert haben, können diese frühzeitig erkennen und Gegenmaßnahmen ergreifen. Die Durchführung einer umfassenden Risikobewertung ist daher Grundvoraussetzung für jedes Unternehmen, um sein wirtschaftliches Überleben zu sichern.

Vor diesem Hintergrund legte die Eröffnungssitzung den Schwerpunkt auf das Thema Risikobewertung. An der Podiumsdiskussion nahmen Compliance-Begeisterte aus dem privaten und öffentlichen Sektor, der Zivilgesellschaft sowie der Wissenschaft teil. Die Notwendigkeit, Risiken kontinuierlich zu überwachen sowie die damit verbundenen Prozesse, wurden durch praxisorientierte Inputs näher erläutert. „Eine effektive Risikobewertung hilft Institutionen, proaktiv statt reaktiv zu handeln“, erklärte Reindorf Atta Gyamena, ehemaliger Compliance-Direktor AMLRO bei der Calbank PLC Ghana. Für Organisationen, die ein starkes Compliance-Programm aufbauen möchten, ist eine Risikobewertung deshalb unerlässlich. Zwei Aspekte, die oft vernachlässigt werden, aber eine wichtige Rolle spielen, sind der Standort des Unternehmens und die Branche, in der es tätig ist. „Es ist entscheidend, alle Einflussfaktoren in der Risikobewertung zu berücksichtigen und sie regelmäßig, am besten täglich, durchzuführen“, ergänzte Ganga Charen Sharma, Vize-Präsident, Geschäftsbereiche Lieferkette und Prüfung sowie kundenspezifische Dienstleistungen für Indien, den Nahen Osten und Afrika bei TÜV Rheinland India Pvt. Ltd. Auch die Rolle des Managements sollte nicht unterschätzt werden. „Das Management muss der Bewertung von Risiken den gleichen Stellenwert einräumen wie den Leistungskriterien“, fügte Christian Tors, CEO von Heat Exchange Products, Namibia, hinzu.

Die von den Podiumsteilnehmenden geteilten Praxiseinblicke stießen auf große Resonanz seitens der Zuhörenden. „Eine umfassende Risikobewertung ist für jede Organisation notwendig, um zu wachsen. Es ist nicht nur die Aufgabe einer Person oder einiger weniger Personen, sondern des gesamten Unternehmens“, betonte einer der Teilnehmer. Andere stimmten zu, dass die besprochenen Inhalte äußert relevant waren. Um das Gelernte in die Praxis umzusetzen, bietet die Allianz für Integrität ein digitales Tool an, TheIntegrityApp, das Unternehmen dabei unterstützt, potenzielle Risikofaktoren zu identifizieren und zu entschärfen.

Die neue Funktion basiert auf verschiedenen Situationen, in denen eine Organisation potenziell mit Korruption konfrontiert wird. Sie ist in der Lage zu messen, ob das Unternehmen diesen Risikofaktoren ausgesetzt ist und welche internen Maßnahmen zu deren Minderung ergriffen werden können. Am Ende der Bewertung erhalten die Nutzer*innen eine Heatmap und weitere Informationen, wie sie die identifizierten Risiken effizient angehen können.

Die folgende Sitzung legte den Schwerpunkt auf die Verantwortlichkeiten und die Rolle von Compliance-Fachleuten. Compliance-Beauftragte haben nicht immer eine einfache Aufgabe zu erfüllen. Sie werden oft als Unternehmenspolizei gesehen, die Prozesse verlangsamt und Arbeitsabläufe erschwert. Doch gerade die Pandemie hat gezeigt, dass Compliance-Beauftragte eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung der Geschäftskontinuität und der Schaffung widerstandsfähiger Geschäftsmodelle spielen. In der Podiumsdiskussion erklärte Rabindra Purohit, Leiter der Abteilung Legal, CS & Compliance bei NIVEA India Pvt. Ltd, dass ein guter Compliance-Beauftragte in der Lage sei, die verschiedenen Rollen einzelner Abteilungen zu verstehen und folglich besser zu koordinieren. Es ist essenziell, ein Compliance-Programm zu entwickeln, das die Werte des Unternehmens widerspiegelt. „Kommunikation, Ehrlichkeit und Integrität sind wesentliche Eigenschaften eines guten Compliance-Beauftragten“, so Rabindra Purohit.

Robert Serwanga, CEO von Agrarian Systems Limited, Kampala-Uganda, sprach über die Herausforderungen, mit denen sich Compliance-Beauftragte bei ihrer Arbeit konfrontiert sehen; dazu zählen nicht zuletzt auch Reibungen zwischen den Abteilungen. „Oft gibt es Überschneidungen zwischen Audit-Funktionen und Compliance. Ich empfehle Compliance-Beauftragten jedoch, diese Aufgabenbereiche nicht zu vermischen.“ Effektive Teamarbeit und die Notwendigkeit eines integrativen Ansatzes sind in diesem Zusammenhang wichtige Schlüsselelemente.

Auch der organisatorische Aspekt von Compliance spielt eine wichtige Rolle. „Das Engagement des Top-Managements ist entscheidend für die erfolgreiche Umsetzung von Compliance-Mechanismen. Nur so kann sichergestellt werden, dass Compliance gelebt wird und die Integritätsbotschaft im gesamten Unternehmen ankommt. Transparenz und Integrität sind entscheidende Aspekte in diesem Zusammenhang“, schloss Roy Iman Wirahardja, Compliance- und Governance-Direktor bei PT Rajawali Corpora und Repräsentant des indonesischen Global Compact Netzwerks. Auf die Frage, ob Compliance als Belastung in seinem Unternehmen empfunden werde, entgegnete er: „Eine umfassende Dokumentation und effektive Compliance-Maßnahmen dienen langfristig als Blaupause für den finanziellen Erfolg, da sie Prozesse glätten, für Transparenz sorgen und dazu beitragen, Vertrauen zwischen allen beteiligten Akteuren aufzubauen.“

Der überregionale Austausch, der sowohl das Thema Risikobewertung als auch die Rolle von Compliance-Beauftragten beleuchtete, stieß auf große Resonanz. Mehr als 150 Compliance-Begeisterte aus zehn Ländern nahmen an der zweiteiligen Veranstaltungsreihe teil. Gerade in Krisenzeiten ist die interregionale Zusammenarbeit von Bedeutung, um gemeinsam an ganzheitlichen Lösungsansätzen zu arbeiten. Als globale Initiative bleibt der Austausch zwischen den Regionen ein Eckpfeiler der Allianz für Integrität. Alle kommenden Veranstaltungen finden Sie hier.

Autorinnen: Seema Choudhary & Yvette Osei-Bonsu

 
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